Lostriades - Schneepfade

Schneepfade - unterwegs in den ladinischen Tälern

Einführung
Willkommen liebe Gäste! Sind alle bereit, den Wegen durch den Schnee zu folgen, die diese Ausstellung aufdeckt? Der Ausstellungstitel lautet LOSTRIADES. Aber was genau bedeutet das? Hier treffen zwei ladinische Wörter aufeinander: liöster, die Schlittenkufen, und ostriada, Spur, Furche oder Pfad. Lostriades bedeutet also „durch Schlitten geformte Pfade“. Den Schlittenspuren folgend begeben wir uns nun also auf eine kurze Reise durch die ladinischen Dolomitentäler, wo Schnee im Winter fest zum Alltag gehört. Wer sich auf dem weißen Untergrund fortbewegt, hinterlässt Spuren, Pfade entstehen, die die Zeit durchqueren und zu verschiedenen Welten und Epochen führen, zur Welt des Wintersports, der Arbeit und der Freizeit, aber auch zurück zu düsteren Zeiten, dramatischen Jahren, in denen hoch über dem Meeresspiegel blutige Kriege geführt wurden. Flüchtige Pfade, die sich jeden Winter mit den ersten Schneefällen wieder auftun, um sich im Frühling mit den warmen Sonnenstrahlen wieder in Nichts aufzulösen. 

Schneepfade im Alltag und in der Arbeitswelt

Wir waren eine bäuerliche Gesellschaft, mehr oder weniger bis zur Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts!
Und ja, auch die Handwerkskunst war weit verbreitet, hier in Gröden und in Cortina d’Ampezzo (deutsch früher Hayden, a.d.Ü), die Landwirtschaft nahm jedoch den weitaus größten Raum ein. Wir bauten Getreide an, Gerste, Hafer, Hanf und auch Kartoffeln. Eher eine einfache, arme Landwirtschaft, geprägt von harter Arbeit und der ständigen Sorge, dass die Ernte wieder einmal dem Frost zum Opfer fallen könnte. Schnee fiel reichlich und in dichten Flocken, manchmal über Monate hinweg.

Mit dem Schnee mussten wir uns also irgendwie anfreunden und Möglichkeiten finden, uns über ihn hinweg oder durch ihn hindurchzubewegen, in diesen langen kalten Wintern. Für die Fahrt ins Dorf nahmen wir die liösa, wie sie bei uns im Gadertal und in Cortina heißt, einen großen Schlitten, auf dem die ganze Familie Platz fand. Die slita, wie sie auf Grödnerisch heißt, ist dagegen ein kleinerer Schlitten, auf den zwei oder drei Personen passen – sie wurde vor allem an Feiertagen hervorgeholt. Die Schlitten wurden von Pferden gezogen, für die slita reichte ein einziges. Einige von uns haben die alten Schlitten aufbewahrt, restauriert und umfunktioniert – jetzt erfreuen sie die scióri, die Touristen, die darauf durch unsere Landschaft gleiten.

Arbeitsschlitten dagegen sind inzwischen aus unserem Alltag verschwunden – heutzutage wird alles mit dem Traktor gemacht. Früher wurden Schlitten eigens für den Heutransport gebaut. Wenn die Hochgebirgswiesen gemäht waren, sammelten wir das Heu in den tablá, von der Sonne geschwärzten Scheunen aus Lärchenholz. Im Winter holten wir die Schlitten hervor, manchmal eingewickelt in große Laken, mit der luesa da corni, was wörtlich aus dem Grödner Idiom übersetzt so viel wie Hörnerschlitten bedeutet. Diese besondere Art von Schlitten aus Eschen- oder Birkenholz wurde in allen ladinischen Tälern verwendet. Sie waren groß, aber für den Transport nicht zu schwer. Ich kann mich erinnern, dass es lang dauerte, den Schlitten zur Scheune hinaufzutragen. Die Fahrt hinunter ging dann natürlich schneller, war aber auch nicht einfach. Wir trugen dabei – nicht nur wir aus dem Fassatal – calzons (Gamaschen) und ciaspes (Schneeschuhe). Bei der Abfahrt den Berg hinunter benutzten wir fieres, so hießen die unter der Schuhsohle befestigten Steigeisen, mit denen wir die Geschwindigkeit des Schlittens abbremsen konnten.

Für den Transport von Baumstämmen wurde dagegen die scodada verwendet; im Gadertal handelt es sich dabei um einen äußerst robusten Schlitten aus Ahorn- und Eschenholz. Die Holzschlägerung fand im Sommer oder Herbst statt, aber wir warteten mit der Beförderung der Stämme auf den Winter, denn auf dem Schnee lief der Schlitten besser und war wendiger.

Schneepfade – Im Auto durch die Schneelandschaft

Autofahren auf schneebedeckten Straßen ist problematisch und zudem auch noch gefährlich. Als es noch keine Räumfahrzeuge gab, wurde im Gadertal die cadrëia hervorgeholt, eine Art riesiger Pflug aus Holz und Eisen, den bis zu zehn Pferde über die größten Straßen zogen. Ein Schneeräumgerät, das im Fassatal caeria genannt wurde, in Cortina dagegen àrsuoi. Zur Verstärkung des Gewichts setzten wir uns auf den breiteren Teil des Keils. Wie auch heutzutage wurden Unternehmen damit beauftragt, die Straßen mit diesem speziellen Gerät vom Schnee zu befreien – im Fassatal, kann ich mich erinnern, war das die Firma Sommavilla. Auch wir Bauern befreiten kleinere Straßenabschnitte vom Schnee, jene, die wir für unsere Arbeit brauchten, und mit der Zeit ersetzten wir die Zugpferde durch Traktoren.

Ein bekannter französischer Autohersteller hatte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Auto mit Skiern und Schlittenkufen erfunden, das es bis auf den Falzarego-Pass schaffte, doch dann dachte man damals wohl, dass es besser sei, den Schnee beiseite zu schaffen, als kostbare Zeit mit der Herstellung seltsamer Automobile zu vertrödeln.

Vor einigen Jahrzehnten benutzte man, um mit dem Auto auf den verschneiten Straßen vorwärtszukommen, besondere Reifen, in deren Mäntel die Reifenhändler per Druckverfahren hunderte von Nägeln oder Spikes in vorgefertigte Löcher einließen, so dass sie auf der Schneedecke besser griffen.
Mit dem Schneeräumen ging es damals nicht so schnell wie heute, und das Ganze war auch weniger effizient. Es konnte passieren, dass ein Auto, das über eine verschneite Straße fuhr, tiefe Furchen hinterließ, wie Schienen, in die dann auch die nachkommenden Fahrzeuge gerieten. So entstanden die lostriade, eine Art  
Auf eine längere Geschichte blicken auch die auf die Antriebsräder montierten Schneeketten zurück. Einige der ersten Modelle waren derart kompliziert anzulegen, dass oft zwischen Mantel und Kette ein Knotengebilde entstand, das nicht leicht zu entwirren war.

Eine Erfindung der letzten Jahre sind Schneesocken, auch Autosocks genannt, die bei uns ehrlich gesagt nicht besonderen Erfolg hatten, aber sich auch eignen, um es mit verschneitem oder vereistem Terrain aufzunehmen. Und die recht ausgeklügelten Winterreifen für Kraftfahrzeuge, die derzeit produziert werden, geben auch beim schlimmsten Schneewetter Sicherheit und Grip. Sicher, ein 4x4 toppt das Ganze dann nochmal… .

Heute kommen moderne Fahrzeuge im Landesbesitz und von Privatfirmen zum Einsatz, die Schnee räumen und Salz streuen; sie sind stets mit den aktuellen Wettermeldungen versorgt und die Motoren sind schon warmgelaufen, wenn die ersten Flocken fallen – lostriade haben so keine Chance mehr.

Von Spikes bis hin zu Gummisohlen

Um im Schnee nicht auszurutschen, befestigte man vor etwa hundert Jahren unter den Schuhsohlen (damals aus Leder, manchmal auch aus Holz) Nägel, Spikes, die im Gadertaler Idiom broces genannt werden.
Die Entstehung der heute in der ganzen Welt bekannten Vibram-Sohlen geht auf das Jahr 1937 zurück, als der Mailänder Bergsteiger und spätere Unternehmer Vitale Bramati die Sohlen seiner Bergschuhe, die damals mit schweren Nägeln bestückt waren, durch eine von ihm konstruierte abriebfeste und dämpfende Gummisohle ersetzte.
 

Gratón da la grásseda

Wenn der Schnee im Frühjahr hart und kompakt war, tolo, im Deutschen Firn, nahmen wir den gratón da la grásseda. So nannten wir in Buchenstein einen speziellen Schlitten, mit dem wir den Mist aus der zopa da la grásseda, dem Misthaufen, zu den Feldern brachten. Für diese Arbeit waren mehrere Tage einzuplanen. Auf dem Schlitten befand sich ein Behälter mit entfernbaren Seiten, aus dem der Mist bequem abgelassen werden konnte, wenn man ihn in Schräglage brachte.  

Auto einketten – und los kann die Reise gehen!

Schneeketten werden bereits seit dem Jahr 1904 hergestellt, dem Jahr, in dem sie in den Vereinigten Staaten von Harry D. Weed patentiert wurden, der seine Erfindung “Grip-Tread for Pneumatic Tires” nannte. Von jenem Tag an bis in unsere Gegenwart wurden die Schneeketten ständig weiterentwickelt, unterschiedlichste Designs kamen auf den Markt, mit verschiedenen Montagearten (Raute, Diamant, symmetrische Rauten, leiterförmig), die Grundidee ist jedoch nach wie vor dieselbe. 

Schneepfade an Kriegsschauplätzen

Gegen Ende des Frühjahrs 1915 waren wir in den Bergen stationiert, Ladiner aus dem Gadertal, aus Buchenstein und aus Cortina, als Standschützen des österreichisch-ungarischen Heers, Bataillon Enneberg. Sie hatten uns damals in unsere Dolomiten geschickt, auf den Col di Lana in der Fanesgruppe, auf den Col dai Bos, um an der Front die aus dem Königreichs Italien vorstoßenden Truppen abzuwehren. Wir waren Bauern, und Bauern waren auch die talians, gegen die wir an der Front kämpften. Uns ging es nicht um das Vaterland, die Nation oder sonstige große Ideale, davon wussten wir nichts – uns ging es darum, unser Hab und Gut, unsere Felder, unsere Häuser nicht zu verlieren. Sie können sich vorstellen, wie es im Winter da oben war – bei eisigen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und inmitten von Schneestürmen, keine Seltenheit in diesen Höhen.

Wer in diesem schrecklichen Krieg überleben wollte, musste erfinderisch sein: Wir benutzten Schneeschuhe und Skier, um schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen. Ein gewisser Franz Kostner aus Kurfar (Corvara, a.d.Ü.), ein Bergführer und großer Kenner der Berge, war unser Kommandant und brachte uns das Skifahren bei. Auch Angelo Dibona aus Cortina, ebenfalls sehr mit den Bergen vertraut, war einer unserer Skilehrer. Er erzählte uns damals, dass einer der Vorreiter des militären Alpinski Wilhelm Paulcke gewesen war, der in den letzten zwanzig Jahren des 19. Jahrhunderts ganzen Bataillonen von Heeressoldaten das Skifahren gelehrt hatte.

Mathias Zdarsky dagegen, Gründer einer der ersten Alpinskiverbände, weihte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unsere Kameraden von den Kaiserschützen in die Kunst des Skifahrens ein. In diesem verfluchten Krieg hoch oben im Gebirge wurde die Ausrüstung an die extremen Bedingungen angepasst, aber das geschah nicht von heute auf morgen, sondern war ein Prozess, der eine gewisse Zeit in Anspruch nahm. Kletterausrüstung, Thermokleidung, Schneeschuhe und Skier kamen erst an, als der Krieg schon im Gange war. Um im Schnee besser voranzukommen, wurden wir mit Bergschuhen, Skiern aus Eschenholz mit Tourenbindung und Schneeschuhen ausgestattet. Auch Schlitten gab es, um Verletzte und Munition zu transportieren, Kanonen und Maschinengewehre. Eine Zeit, die wir besser aus unserem Gedächtnis streichen sollten – oder nein: eigentlich sollten wir uns bewusst diese Zeit ins Gedächtnis einbrennen.  
 

Skikurs am Pordoijoch

“Am 7.11. [1915] schicken sie mich zum Skikurs am Pordoijoch, der Schnee war eher schlecht.  In meiner Kompanie war ein Feldwebel aus Vorarlberg-Bludenz namens Kristian Tähnj, der schon älter war, aber ganz in Ordnung. 9.11. – das Training gefällt mir, schon als kleiner Bub bin ich gern Ski gefahren, auf ziemlich rudimentären Skiern. […]17.11. Weiter geht es mit dem Laufen und Fallen, letzteres trifft besonders diejenigen, die nicht wie wir mit den Skiern aufgewachsen sind, wie die Ungarn, die auch den Kurs besuchen. […] 24.11. Noch mehr Training, aber jetzt sitzt alles, wir sind richtig gut geworden!“.

Aus dem Tagebuch von Valentino Daberto di Castello – Buchenstein (Belluno)
Aus dem Buch Le mie guerre. 1915-1918. 1940-1945. Hrsg. Luciana Palla

Schneekatzen

Wissen Sie, wie vor den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Skipisten präpariert wurden? Das ging so: Wir stiegen quer zum Hang mit den Skiern unter den Füßen bergauf. Dann machten wir uns mit schweren Walzen zu schaffen, die zwei oder drei von uns die Piste hinabließen. Damals mangelte es weder an Vorstellungskraft noch an Tatendrang – Der Grödner Ernst Prinoth hatte immer schon eine Leidenschaft für starke Motoren und Autorennen. Als er seine Rennfahrerkarriere an den Nagel gehängt hatte, widmete er sich mit ganzer Seele einer Idee. In Gröden fasste der Fremdenverkehr Fuß, als er in seiner zu Beginn der Fünfziger Jahre eröffneten Werkstatt den ersten Prototyp einer Pistenraupe schuf, die er PRINOTH P60 nannte, die so genannte „Schneekatze“. Wir schrieben das Jahr 1962. Wer in der Wintersaison früh in den Skitag aufbricht, findet noch die frischen Spuren der „Katzen“, die die Pisten am Abend zuvor geglättet haben.  
 

Schneekanonen

Die erste Scheekanone kam in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus den Vereinigten Staaten nach Gröden, funktionierte in diesem Umfeld aber nicht so, wie geplant. Kurze Zeit später wurden innovative Modelle der schwedischen Firma Lenko importiert, innovativ, aber nicht innovativ genug für den Erfindergeist Roland Demetz, der aus Gröden stammte. Demetz hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Schneekanonen zu perfektionieren, und das gelang ihm: Im Jahr 1990 gründete er die DEMAC, die neu konzipierte Schneekanonen in Serie herstellte. Im Laufe der Achtziger Jahre wurden die Kanonen auch auf die Pisten anderer Täler gerichtet; heute garantieren sie Schneesicherheit in ganz Ladinien und darüber hinaus. Ihre Benutzung unterliegt sorgfältigen Umweltverträglichkeitsprüfungen, da sie Unmengen an Wasser und Energie verbrauchen.

Schneepfade und Freizeitspaß

Wir waren noch Kinder, als wir uns mit unseren kleinen handgefertigten Schlitten im Schnee vergnügten. Die roderi (so wurden im Gadertal die Wagner genannt) bauten anders als die Schreiner, die kleinere Schlitten fertigten, spezielle Schlittentypen, etwa jene für den Personen- oder Heutransport. In Cortina spielten wir farata – dabei legten wir uns bäuchlings auf den Schlitten und hielten uns mit den Händen am Schlitten vor uns fest, so dass wir einen langen Zug bildeten. Cocio, Stroset, Catl: so nannten wir diese Mini-Schlitten in den verschiedenen Tälern. Ja, damals war die Welt noch in Ordnung!

Ich kann mich erinnern, dass sich während des Faschismus der Tourismus immer stärker entwickelte, und Cortina zu einem der ersten Skiorte wurde, die auch auf internationaler Ebene einen gewissen Bekanntheitsgrad hatten. Skier benutzen wir bereits seit Jahrzehnten. Unsere Vorfahren aus der Gegend hatten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts gelernt, mit den Skiern – so nannte man sie, als sie damals Verbreitung fanden - umzugehen, von einem Wiener, den es nach Gröden und dann hier nach Cortina verschlagen hatte, ein gewisser Emil Terschak. Einige Jahre zuvor, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, war Vigil Pescosta aus Kolfuschg einer der ersten, die sich Skier unter die Füße schnallten – die Technik hatte er von seinem Landsmann Jakob Kastlunger von Ruon erlernt. Pescosta nahm die Bretter dann mit nach Gröden, wo sie schnell Verbreitung fanden. Vorher hatten wir Bergler hier oben in den Dolomiten diese neuartigen Bretter aus Nordeuropa, die dort bereits auf eine lange Tradition zurückblickten, nie zu Gesicht bekommen. Per Ski konnten wir uns nun viel müheloser im Schnee fortbewegen, ohne einzusinken. Doch ganz so einfach ging das nicht mit diesen seltsamen Holzdingern mit der nach oben gerichteten Spitze, es brauchte am Anfang viel Übung und Geduld, bis es mit der Abfahrt sturzfrei klappte, oder auch mit dem Bremsen, was auch nicht ganz ohne war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten wir ein großes Bedürfnis, uns von den verheerenden Erlebnissen zu erholen, und unser Tatendrang führte dazu, das in allen Tälern Aufstiegsanlagen aus dem Boden schossen, die dann nach und nach alle ladinischen Täler miteinander verbanden. Heutzutage behergen wir in der Wintersaison unzählige Skifans aus aller Welt.

Eines Tages im März 2020, als wieder einmal zahlreiche Gäste den Skiurlaub bei uns verbrachten, geschah etwas, was wir in dieser Form noch nie erlebt hatten: Eine Verordnung wurde erlassen, innerhalb kürzester Zeit die Hotels und Ferienzimmer zu räumen; die Gäste wurden angewiesen, unverzüglich an ihren Heimatort zurückzukehren. Covid-19 war in den ladinischen Tälern angekommen, das gefährliche Virus, das in den kommenden Monaten nicht nur unsere Täler in die Knie zwingen würde, sondern unseren gesamten Planeten.
 

Bergaufwärts im Sessel

Es war mühsam, auf Skiern die verschneiten Gipfel zu erklimmen, um dann den flüchtigen Rausch der Abfahrt zu genießen. So kam irgendjemand auf die geniale Idee, ein Transportmittel zu erfinden, das uns schneller die Hänge hinaufbrachte, so dass wir das Hochgefühl beim Hinunterdüsen mehrmals am Tag erleben konnten. Karl Demez aus Wolkenstein in Gröden baute 1937 einen der ersten Schlittenlifte, den er Costabella nannte. Dabei handelte es sich um einen großen, mit einem Drahtseil gezogenen Schlitten, auf dem bis zu 16 Personen Platz hatten. Es folgte der Schlittenlift Langkofel (der dann modernisiert und in Ciampinëi umgetauft wurde) und der Skilift Sellajoch.
Auch im Gadertal entstand in diesen Jahren, genauer gesagt 1938, ein erster Schlittenlift, der von Kurfar/Corvara auf den Col Alto führte. 1947, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ging ebenfalls in Corvara dank dem Tourismuspionier Erich Kostner der erste Sessellift in Betrieb, der vom Transportministerium abgenommen wurde. Der Lift, in dessen Konstruktion mechanische Teile eines Panzers eingeflossen waren, konnte bis zu 200 Skifahrerinnen und Skifahrer pro Stunde auf den Gipfel bringen.
Ebenfalls in diesen Jahren ließ die Trientner Firma Graffer Seggiovie die Pfeiler für einen Sessellift auf der Marmolata in die Erde rammen. Der Lift verband den Fedaia-See mit dem Pian dei Fiacconi. Später wurden dann zahlreiche Aufstiegsanlagen aus dem Boden gestampft: Skilifte, Sessellifte, Seilbahnen, Korblifte und Kabinenbahnen, die einzelne Pisten miteinander verbinden, bis hin zum Superski Dolomiti, eines der größten Skigebiete weltweit.
 

Skiproduktion

Einer der ersten, die in den ladinischen Tälern systematisch Ski konstruierten, war Cesare Menardi „Malto“ aus Cortina, der sein Metier in Innsbruck erlernt hatte, bei einer Firma, die Kutschen und Wagen baute.
Man schrieb die letzten Jahre des Neunzehnten Jahrhunderts. Die Skier wurden aus Esche gefertigt, billigere Modelle aus Buchenholz, Langlaufski vornehmlich aus Birke. Auch Mario Zardina, “Zesta” genannt, ebenfalls aus Cortina, fertigte Ski.
Einige Jahrzehnte später, im Jahr 1956, war es ebenfalls vor Ort Giovanni Gaspari, bekannt auch als „Morotto“, der die Herstellungstradition am Laufen hielt: Zusammen mit einigen Bekannten und Angestellten seiner Werkstatt gründete er das Label Morotto; in kürzester Zeit machte sich die Firma einen Namen und entwickelte sich auf internationaler Ebene zu einem der bekanntesten Hersteller von Skiern, insbesondere für den Langlauf.
 

Schneepfade im Sport

Mit dem Skisport haben wir Ladinerinnen und Ladiner uns recht schnell angefreundet – Kaum kannten wir die Bretter aus dem hohen Norden, mit denen man über den Schnee hinweggleiten konnte, schon waren wir in sie verliebt. Wir schrieben die ersten Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts, und hier und dort schlossen wir uns in Verbänden zusammen und begannen, die ersten Skirennen zu organisieren. Eines der ersten Skirennen fand im Jahr 1908 in Gröden statt, auf einer atemberaubenden Strecke: Start war beim Wald von Dantercëpies, das Ziel lag bei Wolkenstein. Wer diese Distanz in der kürzesten Zeit schaffte, hatte gewonnen.

Schlittenrennen gab es dagegen bei uns schon länger. Schon 1896 wurde in Gröden ein Rodelclub gegründet. Im Gadertal waren besonders die Wengener große lüsa-Fans; sie begeisterten sich für eine Tradition, die noch heute Bestand hat. Einige Jahrzehnte später wurde der Skibob erfunden und weiterentwickelt, und die Schmiede aus dem Großraum Cortina toppten sich gegenseitig, um die Karosserie und die Kufen dieser Schneeraketen zu perfektionieren. Eigene Rodelbahnen wurden gebaut, wie die von Ronco bei Cortina, die anfänglich alten Maultierpfaden folgten.

Und so führte unsere Leidenschaft für Wettrennen dazu, dass wir in Cortina 1932 die Skiweltmeisterschaft austrugen, dann 1956 die Winterolympiade und später die Skiweltmeisterschaft in Gröden, 1970, die sich schon auf dem Bildschirm verfolgen ließ. Die Fernsehübertragungen taten ihr Übriges, um den Bekanntheitsgrad unserer Täler zu steigern. Es folgten ungezählte weitere Alpinski-Veranstaltungen hierzulande, einige davon in der x-ten Auflage, Weltcup und Europacup-Wettbewerbe wie die Gran Risa, Erta, Saslong, Volata, Olympia. Viele Athletinnen und Athleten unter uns, die in den Clubs groß wurden und trainiert haben, standen als Champions in den verschiedenen Winterportarten auf dem Podest.

Auch die Marcialonga ist ein Begriff, nicht nur für Skilanglauf-Fans. Bei dieser Großveranstaltung kommen seit fünfzig Jahren im Fassa- und Fleimstal tausende Wintersportlerinnen und -sportler zusammen, die einander in der spannenden, körperlich sehr anstrengenden Disziplin Ski Nordisch Ski messen.

Auch dieses Event ist inzwischen weltbekannt und gehört heute zu den renommiertesten Langlaufwettkämpfen auf unserem Planeten, auf Augenhöhe mit dem schwedischen Vasaloppet und dem norwegischen Birkebeinerrennet.   
Die Cortina 2021 FIS Alpine Ski-Weltmeisterschaften waren dann die bislang letzte Etappe einer Reihe von Veranstaltungen, die auf eine längere Geschichte zurückblicken und spannende Rennen für die Zukunft verheißen.